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"Boote" (1957)

JOCHEN SEIDEL "Boote" (1957)

Öl auf Hartfaser, 82 x 110 cm, signiert, gerahmt



 

JOCHEN SEIDEL (*1924 in Bitterfeld; †1971 in New York)
Die Biografie des Malers Jochen Seidel offenbart die ganze Tragik eines Künstlerlebens, das zwischen Genialität und Obsession, zwischen Aufbruch und Verzweiflung um schöpferische Balance und physisches Überleben ringt. Nach Kriegsgefangenschaft und Studium an der Kunstakademie Halle mit ersten Erfolgen als gegenständlicher Wandbildmaler folgt Jochen Seidel seinem Künstlerkollegen und Freund Hermann Bachmann nach West-Berlin, wo er von dem Galeristen Rudolph Springer gefördert wird. In den späten 50iger Jahren entstehen erste abstrakt expressive Bilder. Sie zeugen von rigoroser Entschlossenheit und sensibler Farbgebung gleichermaßen.
Obwohl er in Europa als begabter Künstler zunehmende Wertschätzung erfährt, zieht es Seidel zu Beginn der 60iger Jahre nach New York, in die Neue Welt, wo die Pop Art gerade den nächsten Trend in der Malerei einleitet. Die Übersiedlung in die USA markiert einen erneuten Bruch im Leben des Künstlers. Es entstehen großformatige Arbeiten in Acryl, in denen die brachiale Wucht farbiger Flächen auf die zerbrechliche Poesie figuraler Organismen trifft und eine rätselhafte  Bild-Architektur entstehen lässt, gerade so als würde Pollock mit Miro um die endgültige Bildfassung ringen. Seidel fertigt in seiner New Yorker Zeit  zahlreiche „word drawings“, in denen sich Gestaltungswille und das unbedingte Anliegen, sich der eigenen Sprache zu versichern, abwechseln.
Als Jochen Seidel 1971 völlig vereinsamt durch Freitod stirbt, rettet einer seiner wenigen verbliebenen Freunde sein amerikanisches Werk vor der Zerstörung. In einer Retrospektive 1992 werden einige seiner europäischen wie auch seiner New Yorker Bilder in Deutschland gezeigt. Sie offenbaren ein künstlerisches Werk voller Brüche, Leidenschaft, Mut und Verzweiflung, das gerade dadurch seine herausragende Eigenständigkeit gewinnt. Jochen Seidel gehört sicher zu den begabtesten und intensivsten deutschen Nachkriegskünstlern. 
Quelle: Jochen Seidel 1924-1971. Staatliche Kunsthalle Berlin 1992.